K. I. Z., Köln

Wann:

Mo. | 7. Dez. 2009 | 20h

Wo:

Live Music Hall, Köln | in Karte anzeigen

Wieviel: VVK 19/AK 23 Euro
Unser Team meint

Kritiker schätzen ihre Ironie, Eltern würden sie am liebsten verbieten lassen, Fans pogen bei ihren Konzerten als wären sie auf einem Punkkonzert: K.I.Z spalten definitiv das Musikdeutschland. Dabei wird sich zwar eher über die explizit-provokanten Texte gestritten, als über Talent oder Technik, das bedeutet aber nicht, dass die drei Berliner Rapper mitsamt ihrem DJ keines von beiden vorzuweisen hätten. Denn vor allem letzterer hat sich schon durch so ziemlich alle Musikgenres gespielt und lässt diese Erfahrung und Wandelbarkeit wunderbar in das Rapprojekt einfließen. Doch auch hinter Tarek, Nico und Maxim steckt mehr, als der erste Blick auf die Kanibalen in Zivil (wahlweise auch Kreuzritter in Zentralasien oder Künstler in Zwangsjacken) vermuten lässt: Rappen auf französisch, Features von Peter Fox oder Bela B. und ein permanenter Sprung zwischen Humor, Ernsthaftigkeit und ernsthaftem Humor begeistert nicht nur HipHop-Fans, sondern auch Electro-, Rock- oder Punkfreunde und zeichnet K.I.Z. bei ihrem Schaffen aus. Wobei die Ernsthaftigkeit am Anfang ihrer Karriere eher unterschwellig in die Songs einbaut wurde und nun auf dem aktuellen Album Sexismus gegen Rechts mit Gesellschafts- und politischer Kritik ihren Durchbruch schafft. Doch in der HipHop Welt bleiben K.I.Z. wohl immer diejenigen, die die Ironiefahne am höchsten halten. Daran sind sowohl Details wie ihr Notenständer-Logo als auch Refrains wie „Du bist ein Spast. Ich bin kein Spast!“ schuld, die bei den zahlreichen Live Auftritten aber auch extra für gute Stimmung auf und vor der Bühne sorgen. So werden die vier Jungs mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei ihrem Konzert in der Live Music Hall zum Pogen auffordern und laut ins Mikro rufen: „Guten Tag, guten Tag, wir haben dein Leben gefickt!“
geschrieben von: Nina
Event Infos

10.07.2009, Vertigo Berlin, ver- und zerstörend. Kaputt und auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Leistungsorientiert und bis auf die Zähne bewaffnet in absoluter Verweigerungshaltung. K.I.Z. sind mit "Sexismus gegen Rechts" im Reich der konkreten Absurdität angekommen, also known as die Realität oder mit andern Worten: K.I.Z. sind angelangt im Land der Freiheit.

"Sexismus gegen Rechts" ist ein Bilderbuch von zwei mal zwei Metern, das auf jeder Doppelseite ein weiteres wahnwitziges Portrait dieser absurden Zeiten liefert. Vollgestopft mit kleinen Details, beginnen die Dinge zu leben und erinnern in ihrer Detailschärfe und ihrem Hyperrealismus an die beklemmenden Höllen-, Menschheits- und Weltvisionen eines Hieronymus Bosch oder an expressionistische Gedichte der 20er Jahre. Inklusive Ausdruckschoreografie und Nackttanz.

Die Not der Banker in "Rauer Wind" findet ebenso Beachtung wie fundamentalistische Einstellungen zum Thema Partnerschaft in "Ohrfeige". Alltagsrassismus und Selbstjustiz. Die selbstgerechte Welt der großen Ordnungshüter. Du wurdest Bulle, weil dir der Mut zum Gangsterdasein fehlt. Die Trennlinien verlaufen unscharf. Verrückte Welt und mittendrin der tote Jörg Haider - "Straight outta Kärnten". Wie soll man da noch durchblicken?

 K.I.Z. sind der große Schredder, und sie zermahlen den Alltag, um daraus Presswurst herzustellen. Zitate, die durch die Medienlandschaft geistern, durch die Fußgängerzonen und den Görlitzer Park, werden eingesammelt, eingebaut, zersetzt, verdaut, zerstört und ausgespuckt, mit Zusätzen versehen und in ihr Gegenteil verkehrt. Was man halt so hört, wenn man nicht ganz so blöd ist und die Ohren aufhält. Manchmal ist man allerdings ja doch erstaunt, dass die Positionen von Wirtschaftslenkern, Finanzbeamten und dem herkömmlichen Hip Hopper mit eingeschränkter Bildungschance sehr nah beieinander liegen. Ob das gut oder schlecht ist, beantworten K.I.Z. auch auf diesem Album nicht - existieren tut's trotzdem und lustig sein tut's ebenfalls!

Auf jeden Fall muss man aufpassen, dass man tatsächlich auch alles mitbekommt, und im Notfall muss man das Album eben öfter hören - eigentlich ganz einfach. An anderen Stellen ist es aber auch nur lustig - wie bei "Donnerbalken". Und schon kleine Kinder wissen, dass ihnen K.I.Z. zu albern ist. Dann kann man sich ausruhen. Kurz. Und Fünfe grade sein lassen.
 
In diesem Sinne und überhaupt ist "Sexismus gegen Rechts" tatsächlich wieder mal kein typisches Hip-Hop-Album geworden, was jetzt wahrscheinlich niemanden richtig traurig macht. Vielleicht ist es aber auch überhaupt kein Album im herkömmlichen Sinn geworden, sondern eine Art "Jimi Hendrix Experience Reloaded 2009", gemischt mit dem Automatischen Schreiben der Surrealisten und kubistisch verschobenen Perspektiven. Zersplittert, kaputt und unwiderstehlich schön, so wie große Kunst eben sein muss...